Spekulation und Investition I

Dieser Beitrag dient dazu, dem Leser die allgemeine Differenzierung von Spekulation und Investition verständlich zu machen und jenen somit dazu zu befähigen, gezieltere Anlagestrategien zu entwerfen bzw. sein Anlageverhalten effizienter zu reflektieren. Teil 2 beschäftigt sich mit der besonderen Differenzierung. Die Lesezeit beträgt circa 12min.

Zum Thema Geldanlage gehören angeregte Diskussionen über Investmentmöglichkeiten, Spekulationen und verschiedene Finanzinstrumente. Dabei wird der Begriff des Investors oft gleichbedeutend mit dem des Spekulanten verwendet oder dieser ausschließlich als Feind, bzw. negativer Störfaktor in Szene gesetzt. So spricht der deutsche Außenminister Heiko Maas bezüglich der angestrebten Finanztransaktionssteuer davon „den Spekulanten das Handwerk zu legen1“ und die Bundesregierung schreibt ebendiesen die Schuld an der Eurokrise zu.2 Auch in der Literatur zum Thema Geldanlage kommt der Spekulant oft nicht gut davon. Im Gegensatz dazu findet ein aktiver nationaler sowie internationaler Wettbewerb um Investoren statt. Populäre Beispiele hierfür stellen Projekte wie die geplanten neuen Batteriefabriken3, die Energiewende4 oder ganz allgemein die Industriestandortspolitik in ihrer Gesamtheit dar. 

Investor oder bloß Spekulant?

Was konkret unterscheidet die Investition von der Spekulation? Hat der Spekulant sein schlechtes Image verdient? Die Beantwortung dieser Fragestellungen bedarf der Definition der beiden Begriffe, sowie einer differenzierten Darstellung der grundsätzlichen Vor- und Nachteile der beiden Strategien für Anleger und Markt. 

Benjamin Graham, Begründer des Value-Investing5, unterscheidet das Investment, welches er als Kapitalanlage bezeichnet, und die Spekulation wie folgt: 

„Eine Kapitalanlage liegt dann vor, wenn sie nach gründlicher Analyse die Sicherheit des eingesetzten Kapitals und einen angemessenen Gewinn verspricht. Anlagen, die diesen Kriterien nicht entsprechen, sind spekulativ.“ 

Benjamin Graham in Wertpapieranalyse, 6. Auflage 2018, S. 75

Er definiert im Weiteren die „gründliche Analyse“ als „Studium der Fakten im Lichte bewährter Standards von Wert und Sicherheit“, die „Sicherheit des eingesetzten Kapitals“ als „Schutz vor Verlust unter allen normalen und vernünftigerweise vorstellbaren Bedingungen oder Änderungen“ und „angemessene Gewinne“ als jeden Prozentsatz oder Betrag eines Gewinns, ganz gleich wie gering, solange der Investor sie akzeptiert“.6

Diese sehr weite Definition bedeutet vereinfacht dargestellt, nichts weiter, als das das Investment einer sowohl qualitativ als auch quantitativ gerechtfertigten Anlage entspricht. Die Rechtfertigung geschieht dabei durch eine eingehende Analyse der Daten des Investmentobjektes, welche eine erhöhte Kapitalsicherheit und eine angemessene Gewinnspanne feststellen muss. Diese Faktenanalyse geschieht gemäß Graham durch eine Fundamentalanalyse. Im Rahmen dieser wird festgestellt, wie sich Wert und Preis des Investmentobjekts aktuell zueinander verhalten. Auch wenn die wertbildenden Faktoren definitiv ebenfalls im Kontext von potentiellen zukünftigen Ereignissen betrachtet werden sollten, liegt der Schwerpunkt der Fundamentalanalyse ganz wesentlich im Hier und Jetzt.

Die klassische Anlagestrategie Grahams war es, Unternehmen zu suchen, deren Preis unter dem Liquidationswert liegt. Die Differenz zwischen Preis und Wert bezeichnet Graham als Sicherheitsmarge.7 Die Sicherheitsmarge sichert dabei die Anlage gegen unerwartete, z.T. zufällige, Ereignisse bzw. das potentielle Unwissen des Anlegers ab und gewährleistet somit den notwendigen Kapitalschutz. Sie macht die Anlage daher robust.

Eine Spekulation stellt im Gegensatz zu der Investition darauf ab, was in Zukunft sein könnte. 

Vgl. Benjamin Graham in Wertpapieranalyse, 6. Auflage 2018, S. 80

Spekulation und Anleger

Die Spekulation wird maßgeblich durch ein Erwartungselement und ein Unsicherheitselement geprägt.8 Die finale Kaufentscheidung im Rahmen der Spekulation hängt demnach davon ab, was zukünftig mit dem Investmentobjekt geschieht. Da der Spekulant jedoch regelmäßig über keine hellseherischen Fähigkeiten verfügt, muss er seine Prognose zwangsläufig auf Vermutungen aufbauen, welche auf Daten des Hier und Jetzt beruhen. Aus diesen kann jedoch keine valide Schlussfolgerung gezogen werden, da vom Endlichen nicht auf das Unendliche geschlossen werden kann.9 Die Spekulation kann somit keine konkrete Sicherheitsmarge besitzen. Der Anleger begibt sich mithin in eine fragile Situation. Das bedeutet, dass der Spekulant aufgrund der fehlenden Sicherheitsmarge besonders anfällig für zufällige bzw. unerwartete Ereignisse ist.

Dieses Problem kann unter anderem gelöst werden, indem der Anleger sein Risiko im Rahmen einer Hantelstrategie verteilt.10 Die Hantelstrategie verbindet die Investition mit spekulativen Elementen. Dies ermöglicht es dem Anleger, vom Zufall zu profitieren ohne sein Kapital einem exorbitant hohen Risiko auszusetzen. Die Kombination der Robustheit des Investments mit der Fragilität der Spekulation ergibt eine antifragile Anlagestrategie.11

Spekulation und Markt

Die Spekulation wird, wie bereits oben dargelegt, oft verteufelt, doch wie so oft ist undifferenzierte Schwarz-Weiß-Malerei nicht angemessen und wird der Spekulation nicht gerecht.

Kritiker beschuldigen Spekulanten den Markt durch unnatürliche Preisverzerrungen negativ zu beeinflussen. Spekulation erfolgt oft durch unterschiedliche Terminkontrakte wie z.B. Futures und Optionen. Wenn viele Spekulanten Futures handeln, käme es zu einem Übertrag auf die Kassapreise was den Produzenten bzw. anderen Markteilnehmern falsche Signale geben würde. Dies führe zu Fehlallokationen von Rohstoffen, Kapital und anderen Waren. Durch diese Marktverzerrungen würden Crashs provoziert und Blasenbildungen ausgelöst werden.

Befürworter der Spekulation halten dem entgegen, dass die Spekulation eine liberale marktwirtschaftliche Grundfunktion erfüllt, in dem sie mittels Terminkontrakte als Kapitalversicherung fungiert und Unternehmungen mit hohem bzw. unklarem Risiko finanziert. Sie sei daher ein nicht wegzudenkender Grundpfeiler des allgemeinen wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Fortschritts.

Prof. Dr. Christian Conrad hat die Diskussion über Auswirkungen von Spekulation auf den Markt mit dem Schwerpunkt Rohstoffe detailliert in seinem Paper „The Impact of Speculation with Food and Commodities“ dargestellt und kommentiert.12 Die Lektüre seines Artikels wird interessierten Lesern zur Vertiefung empfohlen.

Fazit

Eine isolierte Anwendung der Spekulation kann aus den oben erläuterten Gründen dem überwiegenden Großteil der Anleger regelmäßig nicht empfohlen werden. Die Spekulation stellt aber grundsätzlich kein moralisch verwerfliches Verhalten dar und kann betrieben werden, soweit sich der Anleger darüber bewusst ist, das er spekuliert und nicht investiert.

Mögliche Mischformen von Spekulation und Investment sowie das Konzept der intelligenten bzw. unintelligenten Spekulation werden in Teil 2 thematisiert.

Übungsfragen:

  1. Worauf stützt sich die Investition?
  2. Worauf basiert die Spekulation?
  3. Was ist das zentrale Problem der Spekulation als Anlagestrategie?
  4. Entstehen potentielle Probleme für die Marktwirtschaft durch Spekulation?

Literaturempfehlungen:

Benjamin Graham: Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse, 6. Auflage, München 2018; Intelligent investieren, 10. Auflage, München 2005 

  1. Handelsblatt, letzter Aufruf 28.10.2019, 13:50: https://www.handelsblatt.com/politik/international/finanztransaktionssteuer-spd-setzt-merkel-unter-druck-taten-statt-worte/6126660-2.html?ticket=ST-48284290-1olucySe63ExaTI4fYLT-ap6.
  2. Handelsblatt, letzter Aufruf 28.10.2019, 13:52: https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/finanzkrise-der-kollaps-des-euro-ist-moeglich-seite-4/3472790-4.html.
  3. Handelsblatt, letzter Aufruf 28.10.2019, 14:09: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/elektromobilitaet-deutsche-firmen-bringen-sich-im-rennen-um-batteriemilliarde-in-stellung/23674506.html.
  4. Globalmagazin, letzter Aufruf 28.10.2019, 14:03: https://globalmagazin.com/themen/wirtschaft/investoren-fuer-die-energiewende-dringend-gesucht/.
  5. Im Value-Investing werden Investmentobjekte nach ihren Fundamentaldaten bewertet, siehe Fundamentalanalyse.
  6. Graham, Wertpapieranalyse, 6. Auflage 2018, S.76f.
  7. Graham, Intelligent Investieren, 10. Auflage 2018, S. 537ff.
  8. Konrad-Adenauer-Stiftung, letzter Aufruf 02.11.2019, 8:45: https://www.kas.de/web/soziale-marktwirtschaft/spekulation.
  9. siehe Induktionsproblem.
  10. hierzu in Kürze mehr.
  11. siehe Antifragilität und Schwarzer Schwan.
  12. Wirtschaftsdienst, letzter Aufruf 03.11.2019, 11:02: https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2015/6/die-auswirkungen-der-spekulation-mit-nahrungsmitteln-und-rohstoffen/.

2 Kommentare zu „Spekulation und Investition I“

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