Einführung in die VWL: Angebot und Nachfrage

In diesen Artikel werde ich das Modell von Angebot und Nachfrage verdeutlichen und einige Kritikpunkte und Vorwürfe diskutieren. Dies wird somit keine Textbuch-Definition volkswirtschaftlicher Grundlagen (dafür gibt es genug andere Quellen), obgleich ich zu Beginn eine kurze Einleitung in die Thematik anführen werde, um auch neuen Lesern die Chance zu geben den Konsens zu verstehen.

Einführung

Keine zwei Begriffe finden so viel Verwendung in Dialogen von Volkswirten wie die fast schon klischeehaften Terme „Angebot“ und „Nachfrage“. Gleichzeitig steht dieses fundamentale Argument vieler ökonomischer Analysen häufig im Kreuzfeuer der Kritiker. Das Angebot-Nachfrage-Gleichgewicht wird von immer mehr Analysten und Autoren als überbewertet und lückenhaft angesehen. Ähnlich wie das neoklassische Modell des perfekt rationalen Menschen (dem Homo Oeconomicus), wird bei dem Konzept von Angebot und Nachfrage häufig auf den Mangel an empirischer Evidenz sowie eines zu „normativen“ (=idealistischen) Ansatzes verwiesen.
Diese Kritik ist zwar grundsätzlich nicht falsch, in gewisser Weise jedoch trotzdem nicht angebracht, da sie nicht die Absicht des Modells beachtet. Angebot und Nachfrage sind zwei ökonomische Elemente, die notwendig sind, um verschiedenste, wirtschaftliche Entwicklungen zu beschreiben und das ihnen zugrunde liegende Modell liefert in einer überzeugenden Mehrheit an Fällen akkurate und vor allem hilfreiche Voraussagen über Verkäufer- und Käuferverhalten. Das es dennoch auch Lücken und Ungereimtheiten gibt, ist Volkswirten bewusst, da diese eine zwingende Folge aus dem Vernachlässigen anderer Parameter sind. Diese Problematik soll am Ende des Artikels noch einmal aufgegriffen werden, zunächst steht allerdings eine kurze Einleitung in die Thematik an.

Was stellen Angebot und Nachfrage dar?

Formal definiert ist das Angebot die potenzielle Menge am Markt vorhandener Güter und Dienstleistungen und wird von Volkswirten häufig in Angebotsmenge (quantity supplied) und Angebotskurve (supply curve) unterteilt. Dabei bezeichnet die Angebotsmenge die Gütermenge, die Verkäufer veräußern wollen und können, während die Angebotskurve die Zuordnung von Güterpreisen und Angebotsmenge beschreibt. Hinzu kommt das sog. Gesetz des Angebotes (law of supply), welches besagt, dass unter sonst gleichen Bedingungen (Ceteris-Paribus-Annahme1) sich die Angebotsmenge eines Gutes bei steigendem Preis des Gutes vergrößert (gemäß der Angebotskurve).
Der Gegenspieler, die Nachfrage, ist die Absicht von Unternehmen und Haushalten, Waren und Dienstleistung zu erwerben. Es gibt erneut die Differenzierung zwischen der Nachfragemenge (quantity demanded), welche die Menge eines Gutes, die Käufer zu unterschiedlichen Preisen erwerben wollen und können angibt, und der Nachfragekurve (demand curve) – der Korrelation zwischen Preisen und Nachfragemenge eines Gutes. Dazu kommt ebenfalls ein Gesetz der Nachfrage (law of demand), was unter sonst gleichen Bedingungen (Ceteris-Paribus-Annahme) eine sinkende Nachfragemenge mit steigendem Preis des Gutes voraussagt.

Die Unterscheidung dieser einzelnen Begriffe ist wichtig für ein angemessenes ökonomisches Textverständnis sowie zu Erfassung und zum Austausch wirtschaftlicher Thesen. Tatsächlich stellt diese Terminologie eine der größten Fehlerquellen für Volkwirte und TV Analysten dar. Oft verwendete Sätze wie „Mit steigendem Angebot steigt auch die Nachfrage“ oder „Steigt der Preis, so steigt auch das Angebot“ sind entweder missverständlich ausgedrückt oder schlicht weg falsch. Die korrekte Formulierung wäre „Mit steigendem Angebot steigt (indirekt) auch die nachgefragte Menge“ und „Steigt der Preis, so steigt die auch die angebotene Menge“, denn unter „Angebot“ und „Nachfrage“ verstehen Volkswirte häufig auch die unten skizzierten Kurven2, welche nicht durch Menge und Preis beeinflusst werden, sondern eben das Verhältnis zwischen diesen beiden Parametern darstellen.

Gleichgewichte und das graphische Modell

Das sich daraus ergebene Modell sollte den meisten bekannt sein und ist hier linear-vereinfacht als undefiniertes Koordinatensystem dargestellt. Der Schnittpunkt der beiden Graphen definiert die Gleichgewichtsmenge Q1 und den Gleichgewichtspreis P1. An diesem Punkt entspricht die angebotene Menge exakt der nachgefragten Menge – Verkäufer produzieren genauso viel wie Kunden kaufen wollen. Nun ist etwas mathematisches Denken gefragt: Steigt das Angebot des Gutes3 bei konstant bleibender Nachfrage, so steigt die nachgefragte Menge, während der Preis fällt. Nimmt die Nachfrage zu bei konstant bleibendem Angebot, so steigt die Menge und der Preis. Fallen die Kurven (bzw. Geraden), so ist das jeweils gegenläufige Ergebnis zu erwarten.

Nur wenn der tatsächliche Preis und die tatsächliche Menge den Gleichgewichtswerten entsprechen, ist ein Markt effizient. Sollte der Preis über dem Gleichgewichtspreis (equilibrium price) liegen, so gibt es zwar einen erhöhten Anreiz (incentive) für Verkäufer zu produzieren, Kunden wollen jedoch weniger kaufen. Man spricht von einem Angebotsüberschuss (excess supply oder (market) surplus). Fällt hingegen der Preis, so wollen Kunden nun zwar mehr kaufen, aber Verkäufer produzieren auch weniger. Man spricht von einem Nachfrageüberschuss (excess demand oder (market) shortage).
In der Theorie nivellieren sich Angebots- und Nachfrageüberschüsse mit der Zeit von allein, da beispielsweise ein zu niedriger Preis zu einer geringeren angeboten Menge führen würde und diese Knappheit (scarcity) des Gutes den Preis wieder anheben würde.  

Spielt die Realität nach den gleichen Regeln?

Wie wir alle wissen, steigen und sinken Preise für alle möglichen Produkte ständig. Somit bleibt die Frage, wie stark die Auswirkung dieser Schwankungen auf die tatsächlich angebotene und nachgefragte Menge ist. Beginnen möchte ich hier mit einem kleinen Gedankenexperiment. Stell dir vor du bist auf dem Weg zum Supermarkt, um einen Liter Milch und ein paar Bananen zu kaufen. Du weißt noch, dass du beim letzten Einkauf ca. 1€ für die Milch und 1,49€/kg für die Bananen gezahlt hast. Im Supermarkt stellst du nun jedoch fest, dass der Liter Milch auf 1,19€ gestiegen ist, während die Bananen auf 1,09€/kg gefallen sind. Damit ist die Milch knapp 20% teurer als zuvor, die Nachfrage sollte sich nach Model also sichtlich verschieben. Würdest du ohne Milch nach Hause gehen? Oder mehr Bananen kaufen?
Interessanterweise ist die Antwort bei der zweiten Frage deutlich häufiger „ja“. Dies basiert primär auf dem Konzept der sog. „Elastizität der Nachfrage“ (elasticity of demand). Dieser Parameter drückt aus wie stark sich die nachgefragte Menge bei einer Preisänderung verschiebt. Beispiele für sehr unelastische Produkte (in Bezug auf die Nachfrage) sind Benzin, Elektrizität, Krankenversicherungen, Kaffee, Milch und ähnliche Alltagsgüter und -dienstleistungen. Es gibt sogar „perfekt unelastische“ Güter, wie z.B. bestimmte Medikamente, die von Käufern so oder so genommen werden müssen. Elastische Produkte, wie z.B. Obst, Pizza oder Bücher, haben häufig die Gemeinsamkeit, dass sie viele oder sehr ähnliche „Substitutionsgüter“ (substitute goods) haben. Substitutionsgüter sind Güter, die ähnliche oder dieselben Bedürfnisse stillen und somit in Konkurrenz zueinanderstehen. Wenn der Preis von Bananen steigt, fangen Käufer z.B. einfach an Äpfel, Birnen oder irgendein anderes Obst zu kaufen, da diese Produkte Bedürfnisse wie Vitamineinnahme, Geschmack etc. ebenfalls befriedigen. Hinzu kommt, dass Produkte sich außerdem in ihrem Nutzen (utility) unterscheiden, wobei der zusätzliche Nutzen eines Gutes mit steigender Quantität des Besitzes abnimmt.4 Der Unterschied im Nutzen zwischen einer und zwei Bananen ist also größer als zwischen neun und zehn Bananen. Produkte, die sich „stetig“ unterteilen lassen, bieten daher den Vorteil, dass sich der der Nachfrage entsprechend gewünschte Nutzen besser an Preise anpassen lässt. Steigt der Preis für Bananen beispielsweise, so kann ein Kunde weniger Bananen oder teilweise sogar einfach kleinere Bananen nehmen, weil die Einheit „pro Kilogramm“ stetig ist. Milch hingegen wird nur in Litern oder ggf. 1.5 Litern quantifiziert und ein Käufer kann oft nur zwischen kaufen und nicht kaufen wählen.

Beurteilung

All diese Faktoren führen dazu, dass verschiedene Produkte sehr verschiedene Angebot-Nachfrage-Modelle benötigen würden und bringt Kritiker häufig zu dem Schluss dem Modell Glaubwürdigkeit zu entziehen.
Allgemein möchte ich jedoch argumentieren, dass das Konzept von Angebot und Nachfrage eine überraschend hilfreiche Analyse vieler wirtschaftlicher Ereignisse liefert, auch wenn diese schlechter quantifizierbar sind und fundamentale Unterschiede aufweisen. Der essenzielle Punkt hier ist zu verstehen, dass ein solches Modell nur zur Orientierung und Richtungsbestimmung dient. Natürlich ist das Angebot-Nachfrage Modell nicht immer akkurat. Diesen Anspruch hat ein Modell allgemein nicht. Die Frage ist nur, ob ein Modell eine gewisse generelle Ungenauigkeit/Vereinfachung (was okay und zu erwarten wäre) oder eine systematische Verzerrung (was problematisch wäre) beinhaltet. Da unterschiedliche Güter in diesem Modell in verschiedene Richtungen ausschlagen (durch z.B. sehr viele oder sehr wenige Substitutionsgüter), gibt es keinen allgemeinen Trend, der das Konzept in einer langfristig signifikanten Weise verschieben würde.5 Solche Vereinfachung sind nicht nur verständlich, sondern auch notwendig. Es hilft reichlich wenig eine Landkarte mit dem Maßstab 1:1 zu erstellen und selbst eine Karte mit 1:1000 wäre noch sehr unübersichtlich. Um einen Blick auf das Gesamtbild ermöglichen zu können, müssen Details und weniger relevante Unterschiede vernachlässigt werden. Eine gute Landkarte hilft einem am Ende trotzdem den Weg zu finden und ähnlich, denke ich, ist es mit dem Modell von Angebot und Nachfrage.

Die Denkanstöße aus dem zweiten Teil dieses Artikels sollen dazu dienen eine Verbindung zwischen Einzelfall und Gesamtbild herzustellen. Adressiert wurde hier nur ein spezifisches Argument gegen das Modell, welches aus meinen Augen eher ein Missverständnis des Ansatzes ist. Dies ist also keine Bewertung; es gibt unzählige weitere Argumente, die für und gegen das Konzept sprechen6. In kommenden Artikeln werde ich genauer Schwachstellen und Realitätsvergleiche von Gleichgewichtspreisen und -mengen erläutern. Für heute soll der Leser erstmal den Eindruck bekommen haben, dass Ökonomen sich der Ungenauigkeit ihrer Modelle bewusst sind, diese dennoch sehr essenziell für die Orientierung in einem sehr komplexen Gesamtsystem sind.


Übungsfragen:

  1. Welche Veränderungen bewirkt ein steigender Preis bei sonst gleichbleibenden Faktoren?
  2. Welche Eigenschaften der Angebot-Nachfrage Theorie stabilisieren den Gleichgewichtspunkt?
  3. Welche Art von Gütern wird stärker von Preisänderungen beeinflusst?
  4. Warum kann eine intrinsische Ungenauigkeit des Modells akzeptiert werden?

Literaturempfehlungen:

N. Gregory Mankiw & Mark P. Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, übersetzt von Adolf Wagner und Marco Herrmann (Feb. 2012);

  1. Analyse eines Zusammenhangs unter der Annahme, dass sich nur die betrachtete Variable ändert bei gleichzeitiger Konstanz aller anderen ökonomischen Variablen.
  2. Bzw. Geraden in dem linear-vereinfachten System. Der Unterschied ist trivial, da das Koordinatensystem keine Werte annimmt und somit nur zur Skizzierung des Gleichgewichtskonzeptes dient.
  3. Wobei sich der Angebotsgraph nach unten bzw. nach rechts (mathematisch äquivalent) verschiebt. Steigt die Nachfrage, so verschiebt sich die Nachfragekurve nach links bzw. nach unten (da die Steigung negativ ist: a < 0).
  4. In der Fachsprache spricht man vom ersten Gossenschen Gesetz oder auch dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen (law of deminishing marginal utility).
  5. Was einen Kontrastpunkt zu verhaltensökonmischen Kritik an der neoklassischen Theorie ist, da die dort beschriebenen kognitiven Fehler eine allgemeingültige Tendenz aufweisen: Alle Beteiligten des Marktes unterschätzen z.B. ein gewisses Risiko (im Vergleich zu: Einige überschätzen es, andere unterschätzen es).
  6. Beispiele wären u.a. kostenlose, digitale Produkte (werbefinanzierte Apps etc.) oder auch qualitative statt quantitativer Veränderungen in der Nachfrage. Zu diesen Themen werden ebenfalls Artikel folgen.

4 Kommentare zu „Einführung in die VWL: Angebot und Nachfrage“

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