Einführung in die Technische Analyse

Dieser Beitrag dient dem Zweck, den Leser in die Idee der Technischen Analyse einzuführen und diese soweit zu konkretisieren, dass ein detailliertes Verständnis der Gesamtmaterie durch Verweise auf spezifischere Themengebiete aus diesem Artikel aufgebaut werden kann. Die Lesezeit beträgt circa 10min.

Die Technische Analyse ist neben der Fundamentalanalyse eine von zwei primären Methoden sich der Bewertung von potentiellen Investmentgelegenheiten zu nähern. Sie stellt anhand der Interpretation historischer Daten darauf ab, möglichst optimale Ein- und Ausstiegssituationen im Markt aufzuspüren.

Technische Analyse ist das Studium von Marktbewegungen, in erster Linie durch den Einsatz von Charts, um zukünftige Kurstrends vorherzusagen.

John J. Murphy in Technische Analyse der Finanzmärkte, 14. Auflage, München 2018, S.19

Um die Marktbewegungen entsprechend analysieren zu können, zieht der Techniker den Kurs, den Umsatz und das Open Interest als primäre Quellen heran. Die Zentrale Quelle der Technischen Analyse ist der Kurs bzw. Preis. Die Technische Analyse baut dabei auf drei essentiellen Grundprämissen auf.1

Die Grundprämissen der Technischen Analyse

1. Die Marktbewegung diskontiert alles

Im Rahmen der Technischen Analyse findet keine Differenzierung zwischen Preis und Wert des Anlageobjekts statt. So sind nach ihren Vertretern bereits alle relevanten Informationen im Rahmen der Preisbildung in den Kurs eingeflossen. Dieser sei daher das Resultat aller politischen, geographischen und anderweitig beachtenswerten Faktoren. Der Techniker untersuche mithin im Grunde durch die beiden Indikatoren Angebot und Nachfrage die Marktpsychologie.

Diese spiegelt sich in den Kauf- und Verkaufsentscheidungen der Händler wieder. Nach dem Konzept der Preisbildung sollten die Kurse grundsätzlich fallen, soweit das Angebot die Nachfrage übertrifft und steigen, sobald die Nachfrage höher ist als das Angebot. Der Techniker schließt aus diesem Konzept, dass die Preise bei bullishen Fundamentaldaten steigen und bei bearishen sinken.2 Der konkrete, die Preisbewegung auslösende, Faktor ist dabei für den Analysten nicht von Bedeutung. Es ist daher aus dessen Sicht unsinnig sich mit gewaltigen Datenmengen, wie es in der Fundamentalanalyse nicht unüblich ist, aufzuhalten. Eine direkte Auseinandersetzung mit dem Anlageobjekt auf Ebene einer Global-, Branchen- und Unternehmensanalyse sei folglich entbehrlich. Die Theorie der alles diskontierenden Märkte steht in direktem Widerspruch zur Theorie des effizienten Marktes. Effiziente Märkte torpedieren den angestrebten Informationsvorsprung des technischen Analysten und sperren daher entsprechende Überrenditen. Eine Koexistenz ist mithin ausgeschlossen.

2. Die Kurse bewegen sich in Trends

Jeder Blick auf ein Aktienchart verrät: Kurse bewegen sich in Trends.3 Der Kurs kann dabei steigen, sinken oder stagnieren. Dies entspricht den Grundmodellen des Aufwärtstrends, Abwärtstrends und des Seitwärtstrends (auch=trendlos). Trends können sowohl auf der Mikroebene als auch auf der Makroebene vorliegen und jeweils gegenläufig sein. Dies bedeutet, dass z.B. in einem langfristigen Aufwärtstrend auch kurz- bis mittelfristige Abwärtstrends enthalten sein können.

Die überwiegende Mehrheit der technischen Anlagestrategien nutzen Trendfolgesysteme. Diese basieren darauf, dass die Wahrscheinlichkeit grundsätzlich höher ist, dass der Trend bestehen bleibt, als dass er sich umkehrt. Der Trend bleibt jedenfalls so lange bestehen, bis er sich umkehrt. Die Trendanalyse findet durch ein Zusammenspiel von Widerstands-, Unterstützungs-,Trendlinien und weiteren Tools wie spezifischen gleitenden Durchschnitten und unterschiedlichen Oszillatoren statt. Für den Umgang mit potentiell trendbrechenden Kursmustern wie z.B. Umkehr-, Fortsetzungs-, und Übergangsformationen bedient sich der Technische Analyst zusätzlicher spezifischer Strategien. Eine detaillierte Darstellung der Arbeitsweise des Technikers findet in gesonderten Beiträgen statt.

3. Die Geschichte wiederholt sich selbst

Marktbewegungen werden nach Vertretern der Technischen Analyse durch die menschliche Psyche ausgelöst. In der Vergangenheit hätten dem zufolge bestimmte Emotionen wiederholt zu vergleichbaren Kursmustern geführt. Der technische Analyst nimmt daher an, dass von bestimmten Mustern bzw. Formationen auf die Psychologie des Marktes geschlossen werden kann. Verschiedene Chartformationen werden mithin als potentiell bearish oder bullish angesehen.

Der Schlüssel zum Verständnis der Zukunft liegt im Studium der Vergangenheit, oder die Zukunft ist nur eine Wiederholung der Vergangenheit.

John J. Murphy in Technische Analyse der Finanzmärkte, 14. Auflage, München 2018, S. 24

Anwendbarkeit

Gemäß der Ansicht der meisten technischen Analysten ist die Technische Analyse universell auf jegliche messbare Marktbewegungen anwendbar. Sie sei demnach weder an eine spezifische Art von Anlageobjekt, noch an einen bestimmten Zeitraum oder andere Besonderheiten des Marktes gebunden. Diese Ansicht widerspricht der These, dass die Technische Analyse sich nur eigne, um sich einen kurzfristigen schnellen Überblick zu verschaffen und mit hoher Frequenz in kurzen Zeiträumen zu handeln.

Wie sicher und effizient ist die Technische Analyse?

Obwohl die Technische Analyse bei vielen Anlegern Anwendung findet, ist sie hochumstritten. Fraglich ist, inwieweit ihre Verwendung mit Blick auf zahlreiche grundsätzliche Fragen hinsichtlich des Induktionsproblems, des Markttimings, der ludischen Verzerrung und der Markteffizienzhypothese gerechtfertigt werden kann. Die Technische Analyse geht konträr zu den Ansätzen des Value-Investing, eine detaillierte kritische Auseinandersetzung findet daher in einem gesonderten Beitrag statt.

Überprüfungsfragen:

  1. Was ist sind die Grundprämissen der Technischen Analyse?
  2. Inwieweit unterscheidet sich die Technische Analyse von der Fundamentalanalyse?
  3. Nenne drei Werkzeuge eines technischen Analysten.
  4. Welche grundlegenden Probleme beinhaltet das Konzept der Technischen Analyse?

Literaturempfehlungen:

John Murphy: Technische Analyse der Finanzmärkte, 14. Auflage, München 2018

Erdal Cene: Professioneller Börsenhandel, 3. Auflage, München 2016

Beate Sander: Der Aktien und Börsenführerschein, 9. Auflage, München 2018

  1. Vgl. Murphy, Technische Analyse der Finanzmärkte, S.22ff.
  2. potentiell bullishe Fundamentaldaten sind z.B. steigender Umsatz, hohe Margen und ein gutes KGV; potentiell bearishe Fundamentaldaten sind unter anderem sinkender Umsatz, schrumpfende Margen und geringer Profit .
  3. Siehe Aktienchart der Deutschen Börse: https://www.boerse.de/chart/Deutsche-Boerse-Aktie/DE0005810055.

2 Kommentare zu „Einführung in die Technische Analyse“

  1. Pingback: Einführung in die Fundamentalanalyse - Econ2091

  2. Pingback: Markteffizienzhypothese - Econ2091

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