Einführung in die Fundamentalanalyse

Dieser Beitrag dient dem Zweck, den Leser in die Idee der Fundamentalanalyse einzuführen und jene soweit zu konkretisieren, dass ein detailliertes Verständnis der Gesamtmaterie durch Verweise auf spezifischere Themengebiete aus diesem Artikel aufgebaut werden kann. Die Lesezeit beträgt circa 10min.

Was ist die Fundamentalanalyse?

Die Fundamentalanalyse ist neben der Technischen Analyse eine von zwei primären Methoden sich der Bewertung von Investmentgelegenheiten zu nähern. Sie stellt dabei auf eine sich langfristig ausgleichende potentielle Differenz zwischen Preis und Wert des Investmentobjekts ab. Das Ziel ist es regelmäßig Investmentobjekte zu finden, welche vom Markt unterbewertet wurden. Mithilfe der Fundamentalanalyse können jedoch auch fragile Strukturen aufgespürt werden, gegen die mit bestimmten Finanzinstrumenten gewettet werden kann. Das Konzept der Fundamentalanalyse geht daher anteilig konträr zu der Theorie des effizienten Marktes, nach welcher bereits alle zur Verfügung stehenden Informationen in den Preis eingeflossen sind und eine Abweichung von Preis und Wert grundsätzlich nicht vorkommt.1

Der Preis ist das, was man bezahlt. Wert ist das, was man bekommt“

Warren Buffet

Wie funktioniert sie?

Das Finden und Ausnutzen von Marktineffizienzen bedarf einer qualitativ und quantitativ breit ausgelegten Recherche, weil der Analyst Bewertungsfehler anderer Marktteilnehmer aufspüren muss.2 Hierbei muss der Analyst sein Urteilsvermögen stets kritisch hinterfragen. Die meisten aller Geschäfte stellen ein finanzielles Nullsummenspiel dar und werden von einem potentiellen Wissensgefälle begleitet. Es ist sich daher regelmäßig zu fragen, warum der Gegenüber so handelt wie er handelt. Warum will der andere kaufen/verkaufen während man selber verkaufen/kaufen möchte? 

Preisbestimmung

Der Preis kann in den meisten Fällen durch einen einfachen Blick auf den Kurs festgestellt werden. Die Kursbildung geschieht grundsätzlich durch Angebot und Nachfrage.

Wertermittlung

Die Ermittlung des Wertes (auch intrinsic value = innerer Wert) gestaltet sich vergleichsweise schwieriger. Der Fundamentalanalyst beschäftigt sich mit allen Daten, welche Schlussfolgerungen auf den Wert des Investments zulassen. 

Globalanalyse

Die Grundlage der Recherche stellt die Globalanalyse dar. Diese dient dazu, dem Analysten einen generellen Überblick über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wie allgemeine konjunkturelle Entwicklungen, globale Geldpolitik, Zinsen, Inflationsraten, politische Faktoren und Rohstoffpreise, zu verschaffen. 

Branchenanalyse

Sobald sich der Analyst einen ersten Überblick verschafft hat, führt er eine Branchenanalyse durch. Diese befasst sich mit branchenspezifischen Merkmalen wie den Auswirkungen der Konjunktur auf konkrete Wirtschaftsgebiete oder den Rohstoffpreisen auf bestimmte Produkte. Die untersuchte Branche kann mit diesem Verfahren unter Umständen als Zykliker oder als besonders reguliert eingestuft werden. Darüber hinaus kann der Analyst einen Peer-Group-Vergleich anstreben, um verschiedene Unternehmen der Branche miteinander zu vergleichen.

unmittelbare Analyse des Investmentobjekts

An dritter Stelle steht die eigentliche unmittelbare Analyse des Investmentobjekts. Diese beschäftigt sich mit unterschiedlichen qualitativen und quantitativen Faktoren. Diese können im Rahmen der qualitativen Analyse unter anderem Produkte, Dienstleistungen, potentielle Wettbewerbsvorteile, Standorte und Managementqualität sein. Qualitative Faktoren können schwer in konkreten Zahlen ausgedrückt werden. Sie unterliegen daher größtenteils dem subjektiven Ermessen des Analysten. Die quantitative Analyse beschäftigt sich mit den eigentlichen Zahlen. Hauptquelle ist hierbei der Jahresabschluss. Dieser setzt sich aus der Gewinn- und Verlustrechnung, der Bilanz und unter Umständen einem Anhang zusammen. Die Analyse des Jahresabschlusses erfolgt durch die Ermittlung, Überprüfung und dem Vergleich unterschiedlicher Bilanz-, Ertrags-, Cash Flow- und Bewertungskennzahlen, wie z.B. der Wachstumsrate des Eigenkapitals, der Eigenkapitalquote, der Eigenkapitalrendite, dem Umsatzwachstum, der Ausschüttungsquote, dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, dem Kurs-Umsatz-Verhältnis und der Dividendenrendite. Der Jahresabschlusses muss in einen Kontext gesetzt werden. Dies bedeutet, dass der aktuelle Abschluss mit mindestens 2 bis 3 früheren Abschlüssen abgeglichen werden sollte.

Wie sicher und effizient ist die Fundamentalanalyse?

Die Bewertung von Investments nach fundamentalen Kriterien hat sich über lange Zeiträume als verhältnismäßig sicher und lukrativ erwiesen. So konnten Anleger aus „Graham and Doddsville3“ jahrelang den Aktienindex Standard & Poor`s 500, bestehend aus den 500 größten börsennotierten Us-amerikanischen Unternehmen, übertreffen.4 Eine rein zufällige Korrelation der überdurchschnittlich hohen Erfolgsquote mit der Nutzung der Fundamentalanalyse stellt sich aufgrund der breiten Verteilung als sehr unwahrscheinlich dar. Die Fundamentalanalyse wird von unzähligen erfolgreichen Investoren wie z.B. Warren Buffet, Joel Greenblatt, David Einhorn, Mohnish Pabrai, Guy Spier, Carl Icahn und in der Vergangenheit auch von Peter Lynch mit großem Erfolg angewandt.

„In the short run, the market is a voting machine but in the long run it is a weighing machine.“

Benjamin Graham

Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Fundamentalanalyse nicht pauschal dogmatisch nach einem strikten Prüfungsschema funktioniert. Die Analyse bedarf einer individuellen Anpassung auf jedes einzelne Investmentobjekt. Die Due Diligence beim Immobilienkauf stützt sich auf komplett andere Kennzahlen und Indikatoren als im Unternehmenskauf. Ein Altbau kann eine völlig andere Prüfung erfordern als ein Neubau und ein klassischer Versorger eine andere als ein Technologieunternehmen.

Letztendlich spielt die Wahl des richtigen Finanzinstruments für die endgültige Kaufentscheidung eine essentielle Rolle. Eine Vorzugsaktie für ein bestimmtes Unternehmen kann theoretisch maßlos überbewertet sein, während die Stammaktie unterbewertet ist und daher eine gute Investitionsmöglichkeit darstellen würde.

Überprüfungsfragen:

  1. Was ist die Grundidee der Fundamentalanalyse?
  2. In welche Teilanalysen spaltet sie sich auf?
  3. Was ist die wichtigste Quelle für Daten der Unternehmensanalyse?
  4. Aus welchen einzelnen Bestandteilen setzt sich diese zusammen?
  5. Welche Frage sollte sich der Analyst stets selber stellen?

Literaturempfehlung:

Benjamin Graham: Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse, 6. Auflage, München 2018; Intelligent investieren, 10. Auflage, München 2005 

John Mihaljevic: Das Value Investing Handbuch, 2. Auflage, München 2017

Warren Buffet/ Lawrence A. Cunningham: Essays von Warren Buffet, München 2018

Beate Sander: Der Aktien und Börsenführerschein, 9. Auflage, München 2018

  1. Die Fundamentalanalyse ist dabei lediglich mit stark- und mitteleffizienten Märkten nicht vereinbar, während ihr Konzept zwangsläufig auf schwacheffiziente Märkte ausgelegt ist.
  2. Für mögliche Ursachen von Bewertungsfehlern siehe: Verhaltenswissenschaftliche Finanzforschung.
  3. Bezeichnung für Anleger, die gemäß dem Konzept der Fundamentalanalyse und der Sicherheitsmarge nach Graham und Dodd investieren.
  4. Columbia Business School, letzter Besuch 22.10.2019 19:45: https://www8.gsb.columbia.edu/articles/columbia-business/superinvestors.

5 Kommentare zu „Einführung in die Fundamentalanalyse“

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