Antifragilität: Konzept und Anwendung

Dieser Beitrag soll dem Leser helfen sich bezüglich der ungewissen Zukunft vorteilhaft zu positionieren. Antifragilität bildet ferner die Grundlage zum Verständnis der Hantelstrategie. Die Lesezeit beträgt circa 10min.

Einleitung

Der Zufall stellt die Volatilität in unserem Leben dar. Dieses verläuft nicht linear und varianzlos.1 Es daher muss ein Weg gefunden werden, sich positiv zu dieser Volatilität ins Verhältnis zu setzen. Das Konzept der Antifragilität kann für diesen Zweck als äußerst hilfreiches Werkzeug genutzt werden.

Das Grundkonzept: Fragilität, Robustheit, Antifragilität

Der Urheber des Konzeptes des Schwarzen Schwans, Nassim Nicholas Taleb, differenziert in seinem Buch „Antifragilität Eine Anleitung für eine Welt die wir nicht verstehen“ im Rahmen seiner Strategie drei verschiedene Kategorien, in welche Situationen und Bezugsobjekte eingeordnet werden können.2

Fragilität

Fragilität bezeichnet die Anfälligkeit für den Zufall. Volatilität und Erschütterungen schaden dem Fragilen. So profitieren Glas, Porzellan oder ein Kartenhaus nicht nur nicht von einem Erdbeben, sondern werden durch dieses geschädigt. Die Fragilität stellt das allegorische Damoklesschwert bezüglich einer Situation oder einem Objekt dar und sollte tunlichst vermieden bzw. vermindert werden.

Sie zeichnet sich durch eine konkave Reaktion auf Stressoren aus. Dies bedeutet, dass Gewinne nach oben begrenzt und die Verluste nach unten offen sind. In der Finanzwelt stellt sich die Anfälligkeit für Volatilität z.B. in einem Unternehmen mit niedrigen Margen und unzureichenden Rücklagen bzw. liquiden Mitteln dar. Sollte die Nachfrage für die Produkte dieses Unternehmens aufgrund einer Finanzkrise oder neuen Innovationen einbrechen, würde dies mit Sicherheit das Ende für den Geschäftsbetrieb bedeuten.

Auf einer globaleren wirtschaftlichen Ebene wird die selbstgeschaffene Fragilität des internationalen Finanzsystems durch die Weltwirtschaftskrise 2007/08 ersichtlich. Jenes hatte sich durch eine Vergabe von ungedeckten Subprime-Hypotheken und Credit-Default-Swaps destabilisiert und selbst fragilisiert.3

Robustheit

Etwas robustes ist gegen ein hohes Maß an Volatilität abgesichert. Ein seismisch isoliertes Gebäude wird Erdbeben bis zu einer gewissen Intensität überstehen, ein Plastikbecher nicht bei einem Sturz zu Bruch gehen, eine Panzerung wird Schäden von ihrem Träger fern halten und ein Unternehmen mit geringen Verbindlichkeiten und hohen liquiden Mitteln ist potentiell gegen moderate Krisen abgesichert. Taleb beschreibt die Robustheit metaphorisch als Phönix. Das Bezugsobjekt erholt sich, wird aber nicht besser oder schwächer als zuvor. In der Wirtschaft nehmen oft Versorger, Handelsplattformen und Großlieferanten den Platz des Robusten ein.

Antifragilität

Antifragilität stellt das Gegenteil zur Fragilität dar. Sie beschreibt dabei keine einfache Resilienz gegen Stressoren, sondern das Profitieren von Volatilität und Zufall. Taleb stellt die Antifragilität als Hydra vor. Dieser Figur der griechischen Mythologie wachsen für jeden abgetrennten Kopf zwei neue nach. Antifragile Situationen oder Bezugsobjekte zeichnen sich durch ein konvexes Verhalten gegenüber Stressoren aus. Dies bedeutet, dass der Verlust nach unten hin begrenzt ist, während er nach oben hin offen ist. Antifragilität zieht daher im Gegensatz zur Fragilität aus nichtlinearen Reaktionen des Systems Vorteile. Beispiele für antifragile Situationen und Konzepte stellen die Hormesis und die Evolution dar. Antifragile bzw. konvex positionierte Unternehmen in der Wirtschaft sind aufgrund der Skalierbarkeit ihrer Produkte u.a. Softwareentwickler bzw. -verkäufer und Unternehmen mit spezifischen Forschungsschwerpunkten.

Mögliche Anwendungsbereiche

Das Konzept der Antifragilität lässt sich auf zahlreiche Situationen und Fachgebiete anwenden. So wird es bereits in der Risikoanalyse, Physik, Molekularbiologie, Logistik, Ingenieurswissenschaft, Luftfahrt und der Informatik benutzt.

Antifragilität kann einen äußerst hilfreichen Blickwinkel zum Treffen unterschiedlicher Entscheidungen darstellen: Sollte ich eine Bahnfahrkarte kaufen? Sollte ich die Einladung zu einer Party annehmen? Wie sollte die Entscheidungshierarchie und die Informationsstruktur in einem Unternehmen aussehen? Wie muss ein Wertpapierportfolio diversifiziert sein und welche spezifischen Wertpapierpapiere sollte es (nicht) beinhalten? Wie muss ein Staat konstruiert sein? Wie sollte der Zeitplan für ein Großprojekt gestaltet werden? Wie müsste eine Gesellschaft gestaltet sein? Sollte die Suspensivwirkung im Rahmen des einstweiligen Rechtsschutzes nach der Doppelhypothese angeordnet werden?

Antifragilität kann dabei sowohl konkret-individuelle, als auch abstrakt-generelle Probleme lösen und aufwerfen und besitzt mithin eine generell-universelle Anwendbarkeit auf zahlreiche Sachverhalte.

Überprüfungsfragen:

  1. Was ist Fragilität?
  2. Was ist Robustheit?
  3. Was ist Antifragilität?
  4. In welchen Bereichen kann das Konzept der Antifragilität Hilfestellung bieten?
  5. In welchem Zusammenhang stehen Antifragilität und der Schwarze Schwan?

Literaturempfehlungen:

Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen, München 2018; Der Schwarze Schwan Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, München 2018

  1. siehe hierzu: erlebendes und erzählendes Selbst nach Kahneman; Narrative Verzerrung, Platonität und Opazität nach Taleb.
  2. Taleb, Antifragilität, München 2018, S.21ff.
  3. Dies stellt eine starke Vereinfachung der historischen Wirklichkeit dar. Für eine differenziertere Darstellung empfehlen sich die Bücher „Crashed“ von Adam Tooze, „The Big Short“ von Michael Lewis oder anteilig die Warren Buffet Biographie „Das Leben ist wie ein Schneeball“, von Alice Schroeder.

4 Kommentare zu „Antifragilität: Konzept und Anwendung“

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